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Die wundersame Aktualität der Klassiker


Foto: Nicole Bachmann; Vitra

La Chaise; Design: Charles und Ray Eames 

Es sind nicht die klassisch ausgewogenen Formen, die ein Möbel zu einem Klassiker werden lassen, und nicht der Preis, die ein Designobjekt zu einem Sammelobjekt machen. Nur leidenschaftliche Möbel überzeugen heute wieder die Menschen. Perfektion ist da eher Nebensache. 

Die Grenzüberschreitungen zwischen Kunst und Design sind eine gegenseitige Annäherung. Künstler entdecken das Design als interessantes Objekt, und Designer entdecken die Kunst als Arbeitsform, die ihnen Freiheit zum technischen und kreativen Experiment lässt – Freiheit von dem Geschmacksdiktat des Konsumenten, von den Marketingabteilungen der Kunden, den Produktionsbedingungen, Budgets, Funktionsanforderungen und gelegentlich sogar Freiheit von jedem Zweck. Doch was vielleicht noch entscheidender ist: Es waren die Sammler von Designmöbeln, von fast vergessenen Bauhaus-Hockern und Freischwingern, von Flohmarkt-Eroberungen und Ebay-Ersteigerungen, die das Design aus einem banalen Kontext losgelöst und mit anderen Augen betrachtet haben. Diese Faszination für die Formen und das Lebensgefühl vergangener Epochen zieht sich durch die Modewelt mit ihrem Vintage-Style, durch Studentenbuden und Fernsehserien wie die Gilmore Girls, lockt mit dem La Chaise Sessel auf Anzeigen für Parkettböden und befällt Otto-Normalverbraucher gleichermaßen wie professionelle Sammler. Denn die Liebhaber von Designobjekten können – eine weitere Parallele – die gleiche Leidenschaft entwickeln wie Kunstsammler. 

 

Ein Beispiel für eine solche Leidenschaft ist die Möbelsammlung von Rolf Fehlbaum, die den Grundstock für das Vitra Design Museum in Weil am Rhein bildete. Vor allem Entwürfe von Charles und Ray Eames und George Nelson sind hier vertreten, die heute noch Grundpfeiler der Möbelproduktion von Vitra darstellen, aber auch Arbeiten von europäischen Designern wie Alvar Aalto, Jean Prouvé oder Gerrit Rietveld. Hinzu kam die umfangreiche, von Alexander von Vegesack angelegte Sammlung mit einem Schwerpunkt auf schichtverleimten und gebogenen Holzmöbeln von Michael Thonet über Adolf Loos und Alvar Aalto bis zu Charles und Ray Eames und mit vielen Beispielen der Stahlrohrmöbel von Mart Stam, Marcel Breuer, Ludwig Mies van der Rohe und Le Corbusier. Das Museum startete 1989 mit einem Bestand von 1.000 Objekten und ist inzwischen auf über 6.000 angewachsen. 

 

Foto: Koelnmesse

Ravioli, Design: Greg Lynn; Hocker, Design: Herzog & de Meuron 

Ob als historische Originale oder nach Originalentwurf produziert: Möbelklassiker stehen derzeit hoch im Kurs, sei es als Investitionsobjekt für Sammler oder als praktische Lebensbegleiter für jedermann. Welche Motive stecken dahinter? Tatsache ist: Der Konsument erweist sich als zunehmend selbstbewusst. Er ist nicht mehr auf die vorgefertigten Produkte angewiesen, sondern improvisiert, kombiniert, findet und erfindet. Möbelmessen wie die imm cologne, aber auch Flohmärkte und Galerien sind eine Fundgrube für viele Einrichtungskünstler. Die Solidität und Geschichtlichkeit von Möbeln, die vielleicht sogar älter sind als man selbst, faszinieren angesichts des unspannend gewordenen Wegwerfkonsums. Für ihn vermischt sich eine diffuse Sehnsucht nach dem Einfachen mit der Faszination am Originalen. Und Klassiker sind nun einmal authentisch, selbst als Re-Edition. Was zählt, ist die originale Idee, nicht die originale Materialisation. Für viele Menschen stellen Möbel eben nicht mehr nur ein funktionales und modisches Mittel zur Repräsentation dar, sondern ein Identifikationsobjekt, ein Statement, das sie unter Umständen ein Leben lang begleitet. Es gibt natürlich immer wieder neue Produkte, die eine klassische Qualität aufweisen, die also etwas Allgemeingültiges, Zeitloses ausstrahlen. Ein Sessel von Saarinen oder Jacobsen hingegen ist nicht nur schick, sondern auch zeitübergreifend. Vor allem aber ist er ein Zitat eines bestimmten Zeitgeistes, in dem Neues ausprobiert wurde. Damit wird immer auch ein Gefühl der Rebellion gegen Konsumorientierung und Perfektionismus verbunden. Denn diesen Klassikern geht es meist nicht um perfekte Funktionserfüllung, sondern um etwas Absolutes, Experimentelles, die absolute Form. 

 

Es scheint kein Zufall zu sein, dass die Möbelklassiker ausgerechnet in einer Zeit wieder wertgeschätzt werden, in der zum einen populäres Design durch die so genannte Demokratisierung eine gesellschaftlich fast durchgängige Verbreitung findet und in der zum anderen durch eine technische Revolution die Gestaltungsfreiheit und Formenvielfalt eine explosionsartige Entfaltung erfährt – nämlich durch die digitalen Gestaltungs- und Produktionstechniken. 

 

Eine interessante Parallele zu der Zeit der klassischen Moderne sowie zu den 50er- und 60er-Jahren, in denen die Technik der Kunststoffverarbeitung Marktreife erreichte. Auch in diesen Epochen führten die industrielle Fertigung und die neuen Verarbeitungsmöglichkeiten von – zum Teil alten, zum Teil neuen – Materialien zu innovativen Ideen und Formen. Mit dem Unterschied, dass es heute keine Normen mehr gibt, die man brechen könnte, und die neue(n) Ästhetik(en) der Formen und Farben vor dem Hintergrund einer weitgehenden formalen Liberalität und Bedeutungslosigkeit eher willkürlich denn revolutionär erscheinen. Klassiker erscheinen demgegenüber verbindlicher; sie bieten eine Antwort auf die Frage nach einer geistigen Leistung, nach dem Bekenntnis zu einer Sache – in den meisten Fällen zu einer Form, aber auch zu einem Material, einer Idee, einer Technik, einer Anwendung etc. 

Foto: Koelnmesse

Freunde der Art Cologne erwerben Dauerleihgaben für Kölner Museen, u.a. von Tobias Rehberger "Inflection 3B1" (Lampe) und "KG1" (Stuhl, Design: Konstantin Grcic; Foto), 2008 - Galerie Bärbel Grässlin, Frankfurt 

Da wundert es nicht, dass die Faszination für Klassiker zu einer festen Konstante im Marktsegment der Designprodukte geworden ist, und zwar nicht nur in Bezug auf Möbel. Auch klassische und zum Teil als Originale gehandelte Accessoires, Autos und Konsum-Ikonen wie die Form der alten Coca-Cola-Flasche oder die Afri-Cola genießen einen Sonderstatus bei Konsumenten, die Wert auf Originalität und formale Qualität legen. Re-Design ist nichts, was auf Design im engeren Sinne beschränkt ist. Schließlich wird auch im Musik-Bereich zunehmend zitiert, variiert und gesampelt, was das Zeug hält. Darin zeigt sich eine wachsende Kultur des Recycelns – eben nicht primär von Material, sondern von Erbstücken, formalen Ideen, Lifestyles und Kunst. 

 

Dabei erhält das Original als Vorbild und als Rückversicherung eine wachsende Bedeutung – als etwas, das schon vor uns da war, mit dem wir aber eine gemeinsame Idee teilen. Genau darin liegt viel von der Faszination begründet: dass etwas in seiner Zeit völlig Neuartiges heute noch Relevanz hat und etwas von dem einstigen revolutionären Geist in die Gegenwart transportiert. Denn davon hat die Produktwelt heute wenig zu bieten – jedenfalls wenig materiell Greifbares. Die eigentlichen Revolutionen spielen sich auf digitaler, wissensorganisatorischer und prozessualer Ebene ab. 

 

Vitra-Geschäftsführer Rolf Fehlbaum grenzt die Definition des Klassikers ein: „Wenn Relevanz fehlt, bleibt nur Sentimentalität oder Nostalgie.“ Denn nicht immer sind die Grenzen zwischen einem reinen (re-editierten) Trendprodukt und einem Klassiker scharf zu ziehen. Dass Klassiker eine konstante Faszination ausüben, ist für Unternehmen wie Vitra natürlich keine Neuigkeit. Im Gegensatz zu anderen Herstellern, die erst in den letzten Jahren auf den Trichter mit den Re-Editionen kamen, sind bei Vitra etliche Möbel wie der Eames-Lounge-Chair (seit 1957) oder der Panton-Stuhl (seit 1966) in den Jahrzehnten ihrer andauernden Produktion zu Klassikern gereift. Doch inzwischen hat das Unternehmen mit Unternehmenssitz in der Schweiz und in Deutschland auch eine Reihe von Re-Editionen lange schon nicht mehr hergestellter Entwürfe im Programm. Eines der Highlights ist sicherlich die 1989 überhaupt erstmalig in Produktion genommene „La Chaise“, 1948 entworfen von Charles und Ray Eames. Vor wenigen Jahren kamen die Möbel Jean Prouvés hinzu. Für Vitra-Gründer Willi Fehlbaum und seinen Sohn war die Pflege dieser Produktkultur niemals eine Frage der Mode, sondern ein Anliegen, deren ursprüngliche Ideen lebendig zu erhalten. 

 

Doch wovon hängt es ab, ob ein Designobjekt lange Gültigkeit besitzt? Dazu Rolf Fehlbaum: „Es muss eine epochale Idee formulieren, in der Verbindung mit der Zeit stehen, so dass wir von der Frische dieser neuen Notwendigkeit über lange Zeit angesprochen sind. Und bei Eames spricht uns diese Frische nach 50 Jahren immer noch an. Von vielem, das nachher kam, was uns zeitlich also näher ist, sind wir weniger angesprochen. Also existiert offenbar in uns eine Sensibilität für Dinge, die radikal angelegt sind.“ Und zwar nicht, weil sie perfekt seien, sondern gerade deshalb, weil sie Fehler enthalten, die der Designer im Sinne des Gesamtgedankens in Kauf genommen hat. Bei deren „Verbesserung“ in den Nachfolgeprodukten merke man nach einiger Zeit, „dass ein Produkt, das diese Schwächen korrigiert, seine Integrität verliert.“ 

 

Text: Claudia Wanninger