Essay
Hauptsache gemütlich


Foto: Karsten Jipp

Entgegen allen Erwartungen ist die ernsteste Leidenschaft der Deutschen nicht etwa der Fußball, sondern der Nestbautrieb. 

Niemand, der als Besucher nach Deutschland reist, und komme er von noch so weit her, wird sich ernsthaft darüber wundern, dass die Deutschen heute in modernen Häusern wohnen und über fließendes Wasser und Stromanschluss verfügen. Mit Ausnahme vielleicht einiger US-Amerikaner, die immer noch ins Staunen darüber geraten können, dass Fritz und Heidi nicht nur einen richtigen Kühlschrank, sondern sogar gleich mehrere (!) Fernseher besitzen. Und doch beschleicht viele, die zum ersten Mal in das Land der Hügellandschaften, Flüsse und Fachwerkhäuser kommen, ein merkwürdig enttäuschtes Gefühl: Wo sind sie denn, die idyllischen Städtchen in Backsteingotik und Heidelberg-Charme, die modernen Bauhaus-Siedlungen und altehrwürdigen Großstadtvillen, die Weinberge und blühenden Landschaften, die mit Windmühle oder Bauernhof ein so schönes Postkartenmotiv abgeben? Und sie müssen erkennen, dass die meisten Deutschen eben auch nur in mehrstöckigen Mietshäusern leben. Oder bestenfalls in Reihenhäusern, von denen es nirgends sonst auf der Welt (außer natürlich in Großbritannien und den Niederlanden) so viele gibt wie hier. 

 

Dieses subtile Gefühl des Ungenügens teilen sie im Übrigen mit einer nicht unerheblichen Anzahl der hier ansässigen Bevölkerung, denn tatsächlich können sich nur 43 Prozent als glückliche Besitzer eines Eigenheims bezeichnen. Dabei hat „der Deutsche“ eine klare Vorstellung von dem, was ein richtiges Haus ist: ein freistehendes Einfamilienhaus – natürlich massiv gemauert – mit zwei Stockwerken, Keller und Satteldach, unter dem sich vielleicht noch ein schnuckelig ausgebautes Dachgeschoss mit Erker befindet, ein kleiner Vorgarten mit niedrigem Zaun zum Bürgersteig, gelegen in einer ruhigen Wohnstraße. Auch wenn der Garten drum herum natürlich dazugehört, ist schon ein Haus ohne Keller kein ganz richtiges Haus mehr. Denn nur in einem großem Keller lässt sich neben Vorratskammer, Heizungskeller und Waschküche noch eine kleine Werkstatt oder zumindest eine kleine Werkbank unterbringen. Die Deutschen sind nämlich von Natur aus Heimwerker – zumindest der männliche Teil der Bevölkerung. Und schließlich wird auf keinem Bild, das in einem deutschen Kindergarten gemalt wurde, ein rauchender, Wärme versprechender Schornstein fehlen, obwohl heute viele Häuser mit modernsten Brennwert-Heizkesseln ausgestattet sind, die so gut wie keinen Dunst, geschweige denn Rauch raus lassen. Doch wird der Deutsche die Hoffnung auf einen Kamin oder wenigstens Ofen wohl niemals ganz aufgeben. 

Foto: Karsten Jipp

All dies beschreibt indes ein Ideal, das mit der Realität nicht immer in Einklang steht. Abgesehen davon, dass die Architekturstile der Häuser so breit gefächert sind wie die deutschen Träume vom Landhaus, vom Barockschlösschen oder vom klassisch modernen, werbesprachlich „lichtdurchfluteten“ Flachdachbau, müssen sich viele mit der 08/15-Etagenwohnung arrangieren, deren größter Luxus in einem Südbalkon besteht. Der wird dann liebevoll mittels überquellender Blumenkästen (in denen vorzugsweise Geranien gezogen werden) in einen Dschungel verwandelt, der halbwegs über den fehlenden Garten hinwegtröstet. Das größte Dilemma dieses Kompensationsversuchs ist die Leidenschaft der Deutschen für das Grillen, das, auf dem Balkon zelebriert, jeden Sommer für Spannungen unter der Nachbarschaft sorgt. Der Rest der Wohnung ist Standard: In 95 Prozent der Fälle gehen alle Räume von einer zentralen Diele oder einem schlauchförmigen Flur ab – ein Raum, der hauptsächlich aus Türen zu bestehen scheint und in dem Besucher schon mal gerne die Orientierung verlieren. Wer kann, versucht in dem meist begrenzten Platzangebot neben der Garderobe noch eine repräsentative oder persönliche Note unterzubringen – etwa in Form einer Spiegelkommode, Bildergalerie oder eines Arrangements aus Trockenblumen. Hier stand früher auch häufig das Telefon, bis es mit den über Funk verbundenen Mobilteilen aus dem Flur verschwand und auch in der übrigen Wohnung chronisch verschwunden blieb. Ein Flur-Hocker zum Schuh-Anziehen ist geradezu Luxus, und Stühle wird man hier erst recht nicht finden, denn es ist ein reiner Durchgangsraum, in dem man Gäste empfängt und verabschiedet – übrigens eine Zeremonie, die trotz des Fehlens jeglicher Sitzgelegenheit Stunden dauern kann, wenn man nicht aufpasst. Die Schlafzimmer und das Bad sind meist unspektakulär, auch wenn das Badezimmer in den letzteren Jahren durchaus zugelegt und einen Charakter erhalten hat, der die Bezeichnung „Zimmer“ auch verdient. Dennoch leiden die Deutschen in ihrer neu entdeckten Lust am Baden, Relaxen und Wellnessen an einem chronischen Platzmangel in diesem durchschnittlich 7,8 qm großen, häufig immer noch fensterlosen Raum, der damit ihrem Gestaltungsdrang enge Grenzen setzt. In der Regel muss entweder auf die Dusche oder die Badewanne verzichtet werden. Der Franzose wird das Bidet vermissen, und der an die hohe fernöstliche Badekultur gewöhnte Japaner wird mit Horror feststellen, dass sich das WC im gleichen Raum mit dem Bad befindet. Die Deutschen sehen das nicht so eng. 

Foto: Karsten Jipp

Wir halten also fest: Der Deutsche lebt irgendwo zwischen Vaters lederner Sitzgarnitur samt darüber aufgehängtem Ölschinken und dem coolen, offenen Künstlerloft über den Dächern von Berlin. Fachwerk ist Fehlanzeige. Die romantische Seele unseres Besuchers aus den USA – nennen wir ihn Joe – ist vom Anblick des gänzlich unidyllisch wirkenden modernen Mietshauses vielleicht noch etwas geknickt, da meldet sich schon seine pragmatische Seite zu Wort. Denn kaum hat er glücklich die richtige Hausnummer gefunden (xxx), da steht er vor dem nächsten Problem: Zehn Mietparteien sind hier verzeichnet, und Joe kommt gar nicht erst auf die Idee, dass die Anordnung der Namen auf dem Klingelschild dem Aufriss des Hauses folgt und damit einen Stockwerkplan darstellt. Jeder Eingeweihte könnte aus dem schlichten Edelstahlschild mit den vielen unterschiedlich gestalteten Namensschildern schließen, dass Joes Bekanntschaft aus dem Florida-Urlaub im 4. Stock wohnt. Joe jedoch klappert irritiert das Treppenhaus ab, versucht die zu allem Überfluss teils selbst gebastelten Türschilder zu entziffern (von denen das kurioseste ein Huhn darstellen soll, das auf den Buchstaben „EIERMANN“ hockt) und klingelt vergeblich an zwei Haustüren, bis er schließlich an die richtige klopft. Er ist gespannt, was ihn innen erwartet. 

 

Stil-Kohärenz ist in der deutschen Wohnkultur nicht weit verbreitet. Joe hat bereits mit Interesse die Vielfalt der Dekorationen registriert, und durch die teils von Gardinen verhängten Fenster schimmern altmodische Lüster neben modernen Deckenflutern und Designleuchten; sie erhellen die Ecken von Schränken, Regalen und Tapeten, die links des Treppenhauses aus Omas Schlafzimmer und rechts davon aus einem Einrichtungsmagazin zu stammen scheinen. Ganz oben wird wohl ein Purist wohnen, denn hinter der völlig nackten Fensterfront stecken etliche Halogenspots in der Decke unter dem Pultdach. Warum, fragt sich Joe, zieht eine Oma mit ihrem Ohrensessel in einen Neubau, dessen bodentiefe Fenster sie doch nur mit Unmengen von Tüll und Taft verhängen muss, um sich zuhause zu fühlen? 

 

Da auch wir auf diese Frage keine Antwort haben, folgen wir Joe in Veronikas geschmackvoll eingerichtete kleine Diele. Hier hängt über einem modernen Schuhschränkchen ein nach Flohmarkt aussehender, goldgerahmter Spiegel, und daneben ziert die mit Schablone aufgetragene Schrift „Home, Sweet Home“ die Wand. Nach einer herzlichen Umarmung wechseln die beiden in den wichtigsten Raum der Wohnung, das großzügige Wohnzimmer. Wie schon in der Diele verbreiten Kerzen ein angenehmes Licht. Die Deko auf dem großen, den Raum beherrschenden Glastisch besteht aus einem schlichten Design-Kerzenleuchter und locker verteilten Rosenblüten. Im hinteren Bereich des Zimmers steht die Sitzecke – ein großes, mit rotem Samt bezogenes Sofa, daneben zwei Drehsessel im 60er-Jahre-Stil. 

 

Damit hat sich Veronika als Vertreterin der jüngeren Generation gegen die bedeutendste deutsche Erfindung seit dem Otto-Motor entschieden: die Eck-Sitzgarnitur. Seit den blumigen 70ern, die mit Mustertapete, braun-grün-orange-beige-farbener Palette und Flokati-Teppich in den letzten Jahren ein kultiges Comeback erlebten, bestimmt sie in unzähligen deutschen Haushalten das Familienleben. Wer in der Ecke sitzt, hat das Sagen – manchmal können das auch die Kinder sein – und den besten Blick auf den Fernseher. Es sei den, die Sitzecke wird von einem ranghöheren Fernsehsessel (gerne mit flexibler Rückenlehne) begleitet. Zwei Ecken bedeuten repräsentativere, aber nicht unbedingt liberalere Verhältnisse. Ein niedriger Couchtisch dient zur Ablage von Fernbedienungen, Gläsern und Zeitungsstapeln, die (zum Leidwesen eines der beiden Ehepartner) nur weggeräumt werden, wenn Besuch kommt. Das Design der Sitzgarnitur schwankt zwischen rückenfreundlichem Altherren-Stil, klassisch-moderner Ledergarnitur mit Stahlrahmen, verspielter Pop-Art und eleganten Sofas mit tiefen Lounge-Polstern.  

Es scheint, als könnte der Deutsche sich nicht so recht entscheiden. Die Geschmäcker sind doch zu unterschiedlich, als dass sich ein ultimativ typischer Wohnstil ausmachen ließe. Darin unterscheidet sich die deutsche Wohnkultur nicht von denen anderer Nationen. Bis auf ein Phänomen vielleicht, das wir doch nicht ganz verschweigen können: dieser unheilvolle Drang vieler deutscher Do-it-yourself-Einrichter, einen anderen, exotischeren Wohnstil imitieren zu wollen. Berüchtigt und weit verbreitet ist der so genannte mediterrane Einrichtungsstil, unter dem sich die weit gereisten Deutschen so etwas wie Terracotta-Boden, rau verputzte, in Sonnnenuntergangsfarben und Wischtechnik bemalte Wände und Sofas in Creme oder Orange vorstellen. Oder der fernöstliche, mit roten Schrankkommoden, Bambus und Bonsai aufgepeppte Sparsam-Stil. Aktuell sind auch afrikanisch angehauchte Accessoires in Form von Holzstatuetten und Safari-Farben zu finden. 

 

Und Veronika? Sie scheint zu jenen zu gehören, die sich um einen eigenen Stil bemühen, was angesichts der Flut an Einrichtungstipps in Magazinen und TV-Formaten gar nicht so leicht ist. Eines jedoch haben die meisten deutschen Wohnungen gemeinsam: die Gemütlichkeit. Auch Veronika hat in der kalten Jahreszeit Kerzen angezündet, was Joe jedoch nicht falsch versteht, denn an diesem Abend kommen noch viele Gäste, die es sich an Veronikas Tisch und auf ihrem Sofa bequem machen. Ein paar Stunden später allerdings muss er feststellen, dass es nicht wirklich das Wohnzimmer ist, das den Deutschen am meisten liegt, sondern … die Küche. Egal, ob eine kleine Standardküche mit der obligatorischen Einbau-Zeile oder wie bei Veronika eine offen an das Wohnzimmer anschließende moderne Wohnküche – irgendwann knubbeln sich hier sämtliche Gäste. Überall auf der Welt dasselbe! 

 

Text: Claudia Wanninger