Essay
Wohnküchen für Omas Enkel


Foto: photocase.com © Nadine Platzek

Die neuen Küchen haben mit Omas Herd und Mutters Einbauküche in etwa so viel zu tun wie die Waschmaschine mit dem Waschbrett.  

Schon bei der Suche nach einem Kaffeelöffel würden unsere Großmütter scheitern: Wo um Himmels willen sind sie denn überhaupt, die Schubladen? Makellose, homogene Schrankoberflächen, wohin das Auge blickt. Nur kein Griff in Sicht. Wo früher die Schublade des Büffets klemmte, reicht heute ein zartes Antippen, und der Ordnungshelfer enthüllt uns dank Push-to-open-Technik bereitwillig sein Innenleben. Aha, na bitte … das ist dann wohl der Herd? Die angedeuteten Ringe jedenfalls lassen an vier Kochplatten denken – zumindest, wenn noch kein Induktionsfeld der neuesten Generation eingelassen wurde, das automatisch erkennt, an welchem beliebigen Fleck auf der Glasfläche der Topf gerade steht. Aber wo ist denn der Backofen geblieben? Ach Kindchen, und eine Spüle hast du wohl gar nicht? Ja, wo wäschst du denn das Geschirr? 

 

Tatsächlich dürfte sich Oma Käthe in einer modernen Küche kaum mehr zurechtfinden. Da sind zum einen neue Garmethoden wie Mikrowelle und Dampfgarer, beides schick auf Brusthöhe in Regale oder Schränke eingebaut, die eher an eine Wohnzimmerwand erinnern als an einen Arbeitsbereich. Aber auch die klassische Ausstattung ist nicht wiederzuerkennen: Überall digitalisierte Bedienfunktionen statt großer Drehschalter, Apothekerschränke statt Kammer, ergonomisch sinnvolle Trennung von Kochen und Backen. Und dann die Armaturen: mit Einhebelmischer, herausziehbarer Schlauchbrause, Umschaltknöpfen für kochendes oder mit Kohlensäure versetztes Trinkwasser, für spritzendes oder weiches Spülwasser, sogar farbig leuchtend, wenn man will! In manchen Küchen muss man sich schon auskennen, um den hinter edlen Fronten versteckten Geschirrspüler, die abdeckbare Spüle und den ausklappbaren, absenkbaren oder herausfahrbaren Dunstabzug überhaupt zu finden. Die gesamte minimalistische Gestaltung von Kochinsel und Schrankwänden lässt die Küche, wie man sie früher kannte, völlig verschwinden. 

 

Der Blick zurück macht deutlich, wie radikal der Wandel der Küche von einem Arbeitsbereich zum Teil des Wohnraums ist. Omas Wohnküche wird als Vorbild für diesen Wandel zitiert, und tatsächlich treffen sich Familie und Freunde wieder rund um den Kochtopf und am Esstisch. Jeder Makler hat inzwischen den Satz verinnerlicht: „Die Wand zum Wohnbereich kann man natürlich rausnehmen, wenn man will.“ Die zeitgemäße Küche ist nicht mehr nur durch eine Durchreiche mit dem Essplatz verbunden, sondern offen in einen großen Wohnraum integriert. Hier startet der Morgen mit dem Frühstück – entweder an einem großen Esstisch oder an einer Bar, die als Fortsetzung oder Abschluss der Koch- und Arbeitszeile in den Wohnbereich überleitet, oder gleich an dem großen Arbeitstisch, der Essplatz, Spüle und Herd zugleich umfasst. Sinnbild dieser offenen Küche ist die Kochinsel, an der viele (Köche) gleichzeitig arbeiten oder sich unterhalten können. Es ist wie auf jeder Party – man trifft sich in der Küche. Unsere Vorstellung von Omas Wohnküche ist Sinnbild für Behaglichkeit, Geselligkeit, Familie. Doch stimmt das Bild wirklich? 

Foto: photocase.com © Nadine Platzek

Was suchen wir eigentlich durch die Verschmelzung von Wohnen und Küche zu erreichen? Es muss uns wirklich wichtig sein, dass wir auch die Nachteile in Kauf nehmen – potenzielle Verschmutzung, Unordnung, durch die Wohnung wandernde Krümel, zwiebelig-fettige Dunstschwaden und dazwischen der Lärm von Abzugsventilator und Töpfeklappern. Statt all diesen Tumult wie üblich hinter einer Tür zu verstecken, tanzen wir zu lauter Musik aus dem iPod zwischen vorschießenden Schubladen, summenden Herden und wirbelnden Küchenmaschinen hin und her, unterhalten die Gäste, lassen sie in unsere Töpfe schauen und stellen den schon vor Stunden vorbereiteten Nachtisch kalt. 

 

Sind wir auf der Suche nach dem Leben als inszeniertes Event, in dem wir uns als Hobbyköche outen, Cocktails schlürfen und frischen Minztee anbieten? Oder vielleicht doch eher nach der Ursprünglichkeit, nach dem Duft frisch gebackenen Hefekuchens, der knackenden Wärme des gusseisernen Herdes, in dem Oma früh morgens schon das Feuer anheizt, damit Opa und Enkelkind es in der winterlichen Küche schön warm haben? Und was bleibt davon übrig, wenn wir die Heizung und den Induktionsherd programmieren, um soundso viel Uhr für kuschelige Temperaturen zu sorgen und das mit Convenience-Zutaten angereicherte Menü zu erhitzen? Wir mögen die gute alte Wohnküche wiederhaben, doch wir waren noch nie so weit von der Faszination des Lagerfeuers und Omas Hühnersuppe entfernt wie heute. Droht uns mit der Authentizität von Omas Küche nicht auch ein kleines Stück Paradies verloren zu gehen? 

 

Apropos Hühnersuppe: Wir würzen mit Balsam, Ingwer und Zitronengras, kochen mit Tim Mälzer Fischrouladen und verfolgen jede Koch-Show, doch wer von uns weiß eigentlich noch, wie eine simple Hühnersuppe gekocht wird, und sei es in einem Schnellkochtopf? Wir zelebrieren das Kochen und Speisen als Ritual, doch je mehr wir den Ort des Kochens verschönern und zur guten Stube machen, umso weniger wird er als Ort des Rituals genutzt. 

 

Dieser Widerspruch scheint sich in den neuen Wohnküchen mit ihren offenen Regalen, ihren Schränken und Arbeitstischen in versetzten Ebenen abzubilden. Manche Küche scheint förmlich zu schweben und verzaubert durch aufgelockerte Strukturen, unterleuchtete Brückenelemente und eine durchgängig glatte Optik. Aber wo ist der Arbeitscharakter der Küche geblieben? Und wenn wir die Küche doch so sehr in den Mittelpunkt rücken, warum verstecken wir sie dann hinter glatten Fronten, unter bündig schließenden Platten und in versenkbaren Fächern? 

 

Vielleicht ist die Antwort einfach: Je komplizierter das Leben und je komplexer das technische Equipment ist, desto schöner mag uns die elegante Glätte minimalistischer Küchen aus einem Guss erscheinen. Und bei aller Liebe zur Romantik müssen wir zugeben, dass Kochen eben wirklich nicht mehr so arbeitsaufwändig ist wie zu Käthes Zeiten. 

Foto: Koelnmesse

Am sinnfälligsten ist die Verwandlung der Küche in einen repräsentativen Wohnraum beim Herd. Während einige rustikal angehauchte Varianten – klassischerweise immer noch gerne mit Griffen – den (Gas-)Herd sogar noch betonen, ihn etwa aus der Flucht hervortreten lassen und mit einer großen Dunstesse krönen, reduziert sich die ehemalige Feuerstelle in der minimalistischen Wohnküche auf eine flache Glasscheibe unter einer bündig eingebauten Deckenhaube. Ja, mit den neuen Kochfeldabzügen kann auf die Esse sogar ganz verzichtet werden: die Dämpfe werden in seitlich neben dem Kochfeld eingelassene Schlitze abgesaugt. 

 

Rückt die Küche nun in den Mittelpunkt der Wohnung – oder zeigt sie nicht viel eher so etwas wie Auflösungserscheinungen? Am Ende kochen wir gar nicht mehr wirklich, sondern programmieren unsere Lieblingsspeisen, etwa so wie in Raumschiff Enterprise: „Earl Grey, heiß“. 

 

Andererseits: Wenn die Platzierung der Kochstelle fast schon beliebig gewählt werden kann, ermöglicht das ungeahnte Möglichkeiten und neue Rituale. Zugegeben, die Küche ist nicht mehr das Rückzugsgebiet, aus dem Mutti jeden rauswerfen konnte, der durch Zugluft den Hefeteig zu erschrecken drohte. Aber dafür könnten die Speisen zum Beispiel direkt am Tisch zubereitet werden, und unangenehme Gerüche scheinen auch kein unüberwindliches Hindernis für einen offenen Wohn- und Kochbereich zu sein. Die Faszination der Feuerstelle wird einfach mehr und mehr durch die Faszination der Technik ersetzt. Wenn wir Glück haben, hat frau/mann dafür von der Kochinsel einen prima Blick auf den offenen Kamin auf der anderen Seite des Wohnraums. 

 

Bei Philippe Starcks neuer Küche gar werden Kühlschrank und Spülmaschine in drehbaren Türmen versteckt, und der eigentliche Arbeitsbereich, der Esstisch und Spültisch vereint, scheint förmlich über dem Boden zu schweben. Keine Wandinstallationen und kein Fliesenspiegel mehr, das Wasser scheint aus dem Nichts zu kommen und ebenso wieder zu verschwinden. Alle Küchenelemente wirken, als könnte man sie jederzeit verschieben und in einer anderen Raumecke unterbringen (der Trick: die Schläuche werden durch die trompetenförmigen Füße zum Boden geführt). 

 

Anscheinend gehen Technik und Design bei der Erfindung immer neuer Koch- und Küchenformen Hand in Hand, und die Küche mutet schon fast wie ein Gesamtkunstwerk an, weshalb auf modernen Messeplätzen wie der LivingKitchen, dem parallel zur Einrichtungsmesse imm cologne eingeführten Küchen-Event, auch sämtliche Disziplinen der Küchengestaltung gemeinsam zeigen, was sie können: Neben Küchenmöbeln und Einbaugeräten werden auch Spülen, Armaturen, veredelte Küchenarbeitsplatten und Küchenaccessoires sowie Licht in die Präsentation der Küche von heute und morgen einbezogen. 

 

Und Spaß soll sie auch bringen, die Messe. Und die Küche natürlich auch. Vielleicht haben wir beim Anblick dieser wunderschönen, wie unberührt wirkenden Edelküchen nur einfach noch zu viele Berührungsängste? Lass mich nur mal einen Tag in einer dieser glänzenden Wunderwelten wirken – und ihr erkennt sie bestimmt wieder, die gute alte Küche. Das wiedergefundene Paradies. 

 

Text: Claudia Wanninger