Experimentelles Design und Art Design sind die Triebfeder für die gesamte Industrie.

Ein Interview mit Johanna Grawunder

Foto: Lutz Sternstein
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Johanna Grawunder

lässt sich nicht so leicht in eine Schublade packen. Sie baut Häuser, entwirft Interiors und klassische Industrieprodukte, unter anderem für Boffi, Flos B&B oder WMF. Vor allem aber kreiert sie exklusive Möbel- und Lichtobjekte für Galerien in Europa und den USA, bei denen sie gerne LEDs integriert und die Formen dabei fast zu entmaterialisieren scheint. Licht ist für sie ein wichtiges Mittel, den Innenraum zu gestalten, so dass es Teil des Ganzen wird. Auch muss Licht nicht immer ein für sich selbst stehendes Objekt sein, findet Johanna Grawunder. Wenn man es in Möbel integriert, ist es einfach da und erhält eine andere Qualität. Die Architektin aus Kalifornien begann ihre Laufbahn 1985 im Studio von Ettore Sottsass in Mailand und arbeitete mit ihm an einigen der prestigeträchtigsten Projekte auf den Gebieten der Architektur und Innenarchitektur. 1989 wurde sie Partnerin bei Sottsass Associati und blieb dort bis zur Gründung ihres eigenen Studios (2001) mit Büros in San Francisco und Mailand. In den letzten Jahren machte sie sich vor allem im Limited Edition Design einen Namen. Ihre Arbeiten sind ungewöhnlich farbenfroh und scheinen dank der großflächigen Verwendung von Acrylglas nur aus Farbe und Licht zu bestehen. Dieses Jahr wurde sie von der Kölner Einrichtungsmesse imm cologne als Mitglied des Trendboards zu einem zweitägigen Workshop eingeladen, in dem sie zusammen mit Marcus Fairs, Cecilie Manz, Bertjan Pot und Giulio Ridolfo die Interior Trends 2010 erarbeitete, die im Trendbook 2010 der imm cologne veröffentlicht werden. Gelegenheit für ein Gespräch mit der Amerikanerin, die sich trotz des ungewöhnlich kalten Sommertages im Restaurant Rheinterrassen mit Blick auf den Kölner Dom durchaus wohl fühlte. 

Im Trendboard wurde vom Ende der Designikonen gesprochen. Was bedeutet das für das Interior Design?

Ja, das haben wir diskutiert, aber ich sehe das gar nicht so absolut. Meiner Meinung nach wird es immer Designikonen geben. Denn ob ein Objekt Kultcharakter besitzt oder nicht hängt von dem Design selbst ab und nicht davon, ob es mit diesem Etikett vermarktet wird. Vieles wird ohne jeden Gedanken an Zeichenhaftigkeit designt, erobert aber zu einem bestimmten Moment die Fantasie der Konsumenten und steht dann eben für einen bestimmten Zeitgeist. Was sich aber tatsächlich verändert hat, ist das Bedürfnis, die Wohnung wie eine Spielzeugkiste mit Designgegenständen anzufüllen. Diese Haltung ist etwas aus der Mode gekommen. 

Heißt das, dass wir der ganzen schicken Dinge überdrüssig geworden sind?

Wir sind einfach gesättigt von den ganzen Objekten, bombardiert von ihrer Symbolik. Das ist auch ein Zeichen unserer Zeit. Die Menschen kommen mehr zur Ruhe und suchen einen neutralen Raum, eine Zufluchtsstätte. Man umgibt sich immer noch mit einigen ganz besonderen Stücken, aber eben nur mit wenigen. 

Brauchen wir nicht vielleicht auch weniger Design, weil es weniger besonders ist, weil es Teil des Alltags geworden ist?

Ja, sicher. Aber auch ein Nicht-Design-Design ist immer noch Design. Zum Beispiel Ihr Kölner Kolumba-Museum: Darin spürt man ganz deutlich die starke Hand des Architekten, Peter Zumthor, aber alles wirkt, als hätte er gar nicht viel getan. Dabei ist es die wunderbare Gestaltung einer neutralen Palette von Böden, Wänden und Wegen, die bei aller minimalistischen Ästhetik unglaublich reich sind in der räumlichen Anordnung, im Material, an Licht und so weiter. Ich glaube, selbst wenn die Leute Design leid sind, brauchen sie Designer, denn Design kann das Leben verbessern – mit räumlichen Konzepten, Materialien, Farben und einigen besonderen Möbelstücken. 

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Kann die Beschränkung auf das Wesentliche wirklich eine Hilfestellung sein?

Das wird zurzeit wieder diskutiert. Wobei die Menschen in wirtschaftlichen Krisenzeiten bisher nicht unbedingt zum Minimalismus tendierten, sondern eher eine tröstliche, behagliche Umgebung suchten. Menschen mögen nun mal Farben und glänzende Dinge und verzichten nicht gerne darauf, um stattdessen in einer minimalistischen Zelle zu leben. Vor allem dann nicht, wenn sie an einem ungeliebten Job festhalten oder hart kämpfen müssen, um nicht unterzugehen. Ich fand außerdem schon immer, dass wirklich minimalistisches Design etwas Geiziges an sich hat. Es ist, als wollten die Menschen damit verheimlichen, wer sie sind: Alles wird in Schubladen versteckt, Großmutters Kissen genauso wie die Familienfotos. Das ist ja partiell auch sinnvoll, etwa, wenn das Schlafzimmer ruhig und schlicht gestaltet wird, aber in anderen Bereichen will man doch großzügiger sein und seine Persönlichkeit zum Ausdruck bringen. Mir scheint es genauso überholt, alles zu verstecken, wie es unmodern ist, seine Wohnung mit Designobjekten voll zu stellen. 

Dann geht es also mehr darum, Design weniger als Kunstobjekt und mehr als einen Freund zu betrachten?

Ja, als einen Freund, der einen durchs Leben begleitet, oder sogar als etwas, das man liebt. Im Design lösen wir nicht die Probleme dieser Welt wie Hunger oder Krankheiten. Wir brauchen diese Möbel nicht wirklich zum Überleben. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, und auf dem Niveau, auf dem wir arbeiten, ist Design eigentlich Luxus. Aber eben ein Luxus, den wir alle manchmal brauchen. Ich zum Beispiel tendiere dazu, in meinen Möbeln weibliche oder männliche Züge zu sehen. Mein Arbeitsplatz etwa ist ein alter metallener Büroschreibtisch, ein „tough guy“, ein Halbstarker, der mich herausfordernd ansieht und darauf wartet, dass ich endlich die Schubladen öffne, jemand, der auch einiges aushalten muss. 

Schaffen Sie mit Ihren Limited Editions denn nicht überwiegend reine Luxusobjekte?

Es geht beim Art Design ja nicht einfach darum, reiche Menschen glücklich zu machen. Art Design ist eine Form, über die wir mit verschiedenen Arten zu leben experimentieren können. Vieles von dem, was wir hier ausprobieren, wird später in kommerzielle Produkte für den Massenmarkt übertragen. Es macht deshalb auch keinen Sinn, in einem solchen Fall von Kopien zu sprechen, denn eigentlich geht es in unserer Arbeit doch genau darum: Ideen zu kommunizieren. Es ist befriedigend, wenn sich Ideen, die sich zuerst auf einem esoterischen oder künstlerischen Gebiet manifestieren, in anderen Bereichen durchsetzen und ihren Weg zu den Menschen finden, sei es über Design oder Mode. Dann hat sich die ganze Forschungsarbeit gelohnt. 

Was ist mit der näheren Zukunft?

Die gegenwärtige Situation ist eine Gelegenheit für jeden Designer, sich ernsthaft mit seiner Arbeit auseinander zu setzen und nicht bloß etwas zu machen, weil es witzig ist oder cool. Das ist doch ziemlich langweilig. Und wenn man sich die Designikonen heutiger Meister anschaut – Jasper Morrisons und Konstantin Grcic’ Stücke, Ron Arads Stühle oder auch Stefano Giovannonis kleine Objekte für Alessi – dann sind die nicht neckisch, es sind keine Scherze, sondern ernsthaftes Design. Wenn Design ernst genommen wird, enthält es kulturelle Aspekte, handwerkliche Qualitäten oder auch, in meinem Fall, architektonische Lösungsansätze. Dann kann Design ein Ausdruck von etwas sein, das weit über sich selbst hinausdeutet. 

Interview: Claudia Wanninger 

Datum: 04.06.2009 und 19.01.2010 

Weitere Informationen: 

www.grawunder.com