Der Druck schafft überhaupt erst kreative Lösungen.

Ein Interview mit Konstantin Grcic

Foto: Andreas Körner; Bildhübsche Fotografie
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    Fotos: Andreas Körner; Bildhübsche Fotografie 

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Konstantin Grcic

Ihm wäre es wohl nur recht, schlicht als Industriedesigner bezeichnet zu werden – und gut. Vielleicht sind noch ein paar Stationen zu nennen: die Ausbildung zum Möbelschreiner an der John Makepeace School for Craftsmen in Dorset (1985 bis 1987), das Möbeldesign-Studium am Royal College of Art in London und das anschließende Jahr als Assistent von Jasper Morrison, sowie 1991 die Gründung seines Büros "Konstantin Grcic Industrial Design" in München. Und dass er inzwischen mit einem 6-köpfigen, hoch qualifizierten Team zusammenarbeitet – auch das scheint OK. Aber dann folgen die Superlative, die so gar nicht zu dem ruhigen, meist dunkel gekleideten Mann zu passen scheinen: Grcic gilt als der international bekannteste deutsche Designer der Gegenwart; als einer der erfolgreichsten und einflussreichsten Designer der Welt; ein Intellektueller mit Understatement. 

 

Seit der Gründung seines Büros entwirft er Möbel, Leuchten und andere Produkte für Unternehmen wie Agape, Authentics, Cappellini, ClassiCon, Cassina, Driade, Flos, Iittala, Krups, Lamy, Magis, Merten, Muji, Montina, Moroso, Moormann, Plank, SCP, Whirlpool oder die Porzellan-Manufaktur Nymphenburg. Konstantin Grcic fühlt sich dem klassischen Industriedesign verpflichtet. Auch wenn seine Produkte oft etwas Außergewöhnliches haben, das sich gegen den kommerziellen Zweck zu sperren scheint, sind seine Ausflüge in die konzeptionelle oder künstlerische Arbeit an einer Hand abzulesen und am ehesten in Galerien (etwa Missing Object für Galerie Kreo, 2004) oder auf Benefiz-Auktionen (Nose Jive Three Sixty für Luminaire, 2006) zu finden. 

Den deutschen Designern wird eine gewisse Liebe zum Funktionalismus nachgesagt – und zwar nicht nur im Bereich Engineering. Auch Ihre Formfindung, etwa beim Chair One, scheint stark von den Ideen der Konstruktion und Funktion auszugehen. Gibt es also trotz der globalen Durchmischung der Stile so etwas wie ein „deutsches“ Design?

Ich glaube, dass sich deutsches Design immer durch eine bestimmte Haltung und ein bestimmtes Denken ausgezeichnet hat. Das hat natürlich eine formale Sprache gefunden, die auf den Anspruch passte und ein Ausdruck des Rationalen, Einfacheren ist. Diesem funktionsnahen Denken entspricht es, Dinge mit einer offen gelegten Ästhetik zu konstruieren, eine, die gelesen werden kann und verständlich macht, wie etwas gemacht wurde. Dieses Denken steht auch gar nicht im Widerspruch zu einer anderen formalen Gestaltung, zum Beispiel der organischen – nur liegt eben genau darin die Herausforderung, eine solche Form zu finden, die mit diesem Denken eine logische Verbindung eingeht. Dieser Anspruch ist lange gewachsen und bildet heute eine starke Kultur und ein Fundament, auf der auch die Ausbildung von Architekten und Designern in Deutschland basiert. 

Bedeutet diese Tradition heute eher einen Vor- oder einen Nachteil?

Es passt wieder in unsere heutige Zeit, so zu denken, die Dinge zu hinterfragen und nach einfachen, klaren, überzeugenden Lösungen zu suchen. Aber die formale Umsetzung dürfte heute viel mehr Freiheit genießen, weil es heute viel mehr Möglichkeiten der Umsetzung gibt. 

Und wie verbindet sich diese so genannte „deutsche Tugend“ des Funktionalismus mit der organischen Formensprache, die mit den neuen Technologien und Gestaltungsmöglichkeiten aufgekommen ist?

Die deutsche Automobilindustrie hat das schon ganz gut hinbekommen. Die Ästhetik ist hier zur Herstellung der Begehrlichkeit besonders wichtig. Wenn Sie nun BMW mit Audi, Mercedes oder Volkswagen vergleichen, steht bei allen eine ganz ähnliche Formel von deutschem Denken dahinter, und doch finden sie alle ihre eigene Ausformung oder Sprache. Ein faszinierendes Beispiel ist auch der deutsche Roboterhersteller Kuka. Diese Roboterarme sehen wirklich wie menschenähnliche Gelenke, Knochen und Muskeln aus, und nicht wie ein Produkt von Fischer Technik, wo man jedes Schräubchen und jeden Zylinder sehen kann. Bei Kuka haben sie eine Sprache gefunden, die unheimlich progressiv ist und eine perfekte Symbiose eingeht: Das ist kühles Engineering, deutsche Ingenieursleistung und Präzision – sieht aber ganz anders aus.  

Foto: Andreas Körner; Bildhübsche Fotografie


Wieso funktioniert das in anderen Bereichen wie der Architektur nicht so erfolgreich?

In der Architektur wird Jürgen Mayer H als jemand postuliert, der der deutschen Architektur eine neue Identität gibt. Seine Leistung liegt auch darin, dass er ein Gebäude anders betrachtet – mehr als Objekt und Körper und nicht nur als eine Gliederung von Funktionen. Wenn Sie ihn aber mit Herzog & de Meuron, Foreign Office Architects oder meinetwegen auch Zaha Hadid vergleichen, dann haben die sich auch total frei gemacht von einer klassischen Baugeometrie, sind aber am Ende komplexer und damit der Komplexität, die ein Gebäude nun einmal hat, angemessener. Aber ich war auch noch nie in einem seiner Gebäude. 

Wie verändert sich Design überhaupt? Gibt es so etwas wie einen Diskurs über Design und Trends?

Ich glaube, dass Design viel mit Evolution zu tun hat und sich alles sehr fließend weiterentwickelt und verändert. Es gibt wenige Trends, bei denen heute das Gefühl aufkommt: Das ist so neu, das habe ich noch nie gesehen! Es sind eher plötzliche Verbindungen, Evolutionen unterschiedlicher Dinge, die dann etwas Neues ausmachen. Es gibt natürlich immer Trends, die zurückkommen, Dinge, die wieder aufgegriffen werden. Ich meine nicht im Sinne von Retro, sondern dass man sich immer wieder auf Dinge besinnt, die es schon gab, weil sie Teil der Evolution sind. Sie sind im Bewusstsein, und manchmal werden sie wieder stärker. Das hat mit einem Zeitgeist zutun, aber auch mit ganz persönlichen Interessen... 

Weitere Informationen: 

www.konstantin-grcic.com