Ich lebe in einer Luftblase.

Ein Interview mit Philippe Starck

Foto: Martin Zentner
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  • Foto: Frank A. Reinhardt

Philippe Starck

Kein Klingelschild verrät den Meister. Hinter einer unscheinbaren Tür fällt der Besucher über ein Klapprad eine steile Holztreppe hinauf ins Allerheiligste: die Wohn-Arbeits-Küche von Philippe Starck. Die Sonne scheint in das helle Londoner Haus in Notting Hill, ein kitschiges Gasfeuer im obligatorischen Kamin verbreitet Gemütlichkeit. Starck telefoniert, im Hintergrund kocht irgendetwas Exotisches heftig vor sich hin. Er sei gerade aus Afrika zurückgekommen und habe großen Hunger, entschuldigt er sich. Wir sprechen über das Wetter. Regen? Er habe noch keinen einzigen Tag Regen in London erlebt. Außerdem gehe er kaum aus dem Haus. 

Ist das hier ein guter Platz zum Träumen?

Nein, aber es ist trotzdem prima, denn ich versuche, hier niemanden zu kennen. Ich reise durch ganz Europa, komme nachts zurück, und freitags kommt meine Freundin, kocht eine Suppe und wir gehen um 10 ins Bett. Ich lebe hier wie ein Mönch. Ein moderner Mönch, aber ein Mönch. 

Wie erleben Sie London?

London ist eigentlich arm, aber hier in Notting Hill ist es wie im Film „Die Truman-Show“ – alles ist unecht, eine künstliche Welt. Aber für mich ist es perfekt. 

Wieso?

Weil dieser Ort nirgendwo ist, es ist alles fake. Eine Luftblase, ein Bühnenbild. 

Aber die Bühne beherrschen Sie doch, als Designer treten Sie auf wie ein Star.

Das tue ich, weil ich privat wie in einem Kokon lebe. Ich bin glücklich, Menschen zu treffen, und rede dann viel. Außerdem tue ich es aus Höflichkeit meinen Partnern gegenüber, die die Promotion brauchen. Ich mache Witze, um die Leute zum Lachen zu bringen. Können Sie sich etwas Langweiligeres vorstellen als eine Pressekonferenz über eine Toilette?  

Mögen Sie Journalisten?

Kann ich die Frage umgehen? 

Im Ernst, was ist Ihr Bild von der Presse? Führen wir Journalisten uns nicht manchmal auf wie Groupies?

Nein, die Presse ist ein echtes Problem. Darüber sollte man ernsthaft reden. Ich denke, die Presse hat heute große Macht, aber nicht das dafür notwendige Verantwortungsgefühl. Zur Macht gehört als Gegengewicht eine entsprechende Ethik, Professionalität und eine gewisse Kultur. Und einige Presseleute haben nichts davon. Es geht nicht nur um Anzeigen, sondern um mehr: Die Presse ist kein Informationsdienst mehr, sondern reines Geschäft. Das ist ein echtes Zivilisationsproblem.  

Foto: Frank A. Reinhardt

Gerade, als es wirklich interessant wird, wechselt Philippe Starck das Thema. Ob er uns etwas anbieten könne? Er selbst hatte seine asiatische Suppe längst ausgelöffelt und war zu hart gekochten Eiern übergegangen. Wir fragen bescheiden nach Wasser und werden mit Starcks importierter Eigenmarke korsischen Quellwassers belohnt. Die Gläser sind winzig, das Nass ist kostbar. 


Und warum gibt es Ihrer Meinung nach so viele Designer und so wenige „Stars“?

Das ist paradox. Zum einen ist der Designer-Beruf einfach in Mode. Andererseits gibt es aber immer weniger „echte“ Designer. Es ist doch so: Die Medien lieben Design – man braucht sich als Designer nicht groß anzustrengen, um mit seinem neuen Stuhl in die Zeitung zu kommen, auch wenn er Mist ist. Heute ist man ein Star, bevor man ein richtiger Designer ist. Es ist einfach zu leicht. Einige Ideen, mit denen ich später Erfolg hatte, beschäftigen mich schon, seit ich 17 bin. Ich hatte also 23 Jahre Zeit, um über diese Sachen nachzudenken! 

Warum arbeiten Sie so wenig mit deutschen Unternehmen zusammen?

Weil sie so langsam sind. Eine gute Idee muss nun einmal schnell umgesetzt werden. Aber der deutsche Unternehmer kommt nicht von der Vorstellung los, dass man bei einer Neuschöpfung auch irgendwie leiden muss. Das ist schon fast eine religiöse Haltung. Aber das ist nicht gut, denn wenn man leidet, verliert man nicht nur Energie, sondern letztlich auch die eigentliche Idee. 

Fehlt es deutschen Unternehmern an Know-how? Oder an Mut?

Nein, nein, es ist eine andere Art des Denkens, nach dem Motto: Alles braucht seine Zeit. Wenn man etwas zu schnell macht, wird man etwas übersehen. Oder es ist ihnen zu leicht – die Dinge haben einfach nicht leicht zu sein! 

Wenn Sie eine Idee entwickeln, sind Sie dann mehr an der Idee oder an der Realisation interessiert?

Ich bin ein Träumer. 

Reicht Ihnen der Traum? Ist die Umsetzung nur noch lästige Arbeit?

Nein, ich habe eine besondere Arbeitsweise entwickelt. Ich arbeite allein, allein, allein! Alles, was ich von meiner Insel in Afrika mitbringe, übergebe ich an einen meiner hervorragenden Mitarbeiter. Und da ich ein Kontroll-Freak bin, ein total Besessener, zeigen sie mir alles, wenn es fertig ist oder es ein Problem gibt. Ich kontrolliere alles, aber eben aus der Ferne. 

Warum?

Ich mag das Produkt nicht, nicht die Materialität der Dinge, ich mag nur die Idee. Philosophisch bin ich am Ergebnis schlicht nicht interessiert. 

Ist es ein hoher Erwartungsdruck, dass alles, was Sie unternehmen, etwas wirklich Neues und Innovatives sein muss?

Ein wenig ja. Man kann natürlich auf sehr unterschiedliche Arten innovativ sein – technisch innovativ, philosophisch, politisch, visionär oder auch sexuell innovativ. Aber wenn es nur darum geht, etwas zu wiederholen ... nein danke! Der Badbereich hat sich in den letzten Jahren enorm entwickelt, es gibt sehr gute, saubere Produkte. Es gibt fast nichts, was es nicht gibt. 

Starck war wieder aufgestanden und kramte ungeduldig in mehreren Küchenschränken, bis er ein Holzbrett mit zugehörigem Messer fand, um einen Apfel stilgerecht zu zerlegen. Er hatte sich ein wenig in Rage geredet, als um Konsumentenmissbrauch durch unfaires Preis-Leistungs-Verhältnis oder durch Produktkopien ging. Mit dem Apfel macht er kurzen Prozess, die eckigen Schnitze sind schnell aufgegessen. Das Thema „Design für ältere Menschen“ scheint ihm dann weniger aufregend als politische Diskussionen. Doch auch hierfür erwärmt er sich zusehends... 

Interview: Claudia Wanninger und Frank A. Reinhardt 

Datum: 26.01.2003 

Weitere Informationen: 

www.starck.com