Innovation ist der Schlüssel zum Überleben.

Ein Interview mit Ross Lovegrove

Foto: Andreas Körner; Bildhübsche Fotografie
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    Fotos: Andreas Körner, Bildhübsche Fotografie 

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Ross Lovegrove

gilt als Visionär, der mit seinen Arbeiten die Materialität unserer dreidimensionalen Welt zu verändern scheint. Wer ihn engagiert, will keine angepassten Produkte und keine 08/15-Ästhetik, sondern einen Neuanfang. Der 1958 in Cardiff geborene Waliser studierte in Manchester (Bachelor of Arts in Industriedesign am Polytechnic, 1980) und London (Master of Design vom Royal College of Art, 1983). Gleich danach ging er nach Deutschland, um für Frog Design an Projekten wie Walkmans für Sony und Computer für Apple zu arbeiten, und zog anschließend als Berater für Knoll International nach Paris, wo er gemeinsam mit Jean Nouvel und Phillipe Starck das Atelier de Nimes gründete und unter anderem Cacharel, Louis Vuitton, Hermes und Dupont beriet. Nach seiner Rückkehr nach London 1986 vollendete er Projekte für u. a. Airbus Industries, Kartell, Cappellini, Moroso, Luceplan, Driade, Peugeot, Apple Computers, Issey Miyake, VitrA, Motorola, LVMH, Yamagiwa Corporation, Hackman, Alias, Herman Miller, Japan Airlines und Toyo Ito Architects in Japan. 

 

Es ist leicht, mit Ross Lovegrove ins Gespräch zu kommen, aber schwer, bei der Sache zu bleiben. Besonders, wenn man schon vor dem eigentlichen Interview in einen Schwebezustand versetzt wird. Zufall oder unfaires Ablenkungsmanöver – an diesem Morgen war sein Studio im Londoner Stadtteil Notting Hill erfüllt von den nicht ganz irdischen Klängen einer Stradivari, die Peter Sheppard- Skaerved, einer der talentiertesten Violinisten der Insel, für den Designer spielte. Um das Instrument zu studieren, wollte Lovegrove, der eine neue Geige entwerfen soll, sie erst einmal hören. Was für ein wundervoller Beruf, dachten wir uns, und nachdem alle ihre Gefühle wieder im Griff hatten, sprach man über die Probleme dieser Welt, über ihre Schönheiten und das Leben an sich, bis ein nüchternes „Also: Badezimmer!“ die mäandernden Gedanken wieder auf den Boden zurückholen sollte. Mit dem Erfolg, dass Lovegrove nun (erfolglos) gegen eine Lachattacke zu kämpfen hatte. 

Aber, hey, finden Sie nicht auch: So ist das Leben! Voller Gegensätze. 

Aber Sie sind doch ein glücklicher Mensch, Sie können sich aussuchen, was Sie tun wollen.

Das ist wahr, ich habe viel Freiheit. Manchmal muss ich daran erinnert werden, etwa, wenn ich frustriert bin, weil ich das Gefühl habe, zu irgendetwas gedrängt zu werden. Man darf sich niemals vereinnahmen lassen. 

Im Verhältnis zu den Kunden ist das sicherlich manchmal eine Gratwanderung?

Das ist ein grundsätzliches Problem. Wie soll man sich zu den Kunden bekennen? Kunden sind nichts Abstraktes, sondern reale Menschen, was bedeutet, dass ich nur so gut sein kann, wie mein Kunde ist. Zusammen mit einem gebildeten und leidenschaftlichen Kunden kann man etwas erreichen, aber wenn es „nur“ ein Manager ist, der auf sein Gehalt angewiesen ist, wird er keine Risiken eingehen. 

Risikobereitschaft ist derzeit sicherlich nicht sehr populär?

Nein, allmählich wird alles auf Sparflamme runtergefahren, und die Leute sind nicht so optimistisch, wie sie es sein könnten. Wir treten in eine Phase ein, in der Innovation der Schlüssel zum Überleben ist. Unternehmen machen einen großen Fehler, wenn sie zurückfallen in ein trügerisches Gefühl von Sicherheit. Ich habe noch gestern mit meiner Verlegerin gesprochen, und sie ist von der Situation genauso betroffen wie alle anderen, dabei sind Bücher nun wirklich die günstigste Art der Bildung – sie handelt nicht mit dreidimensionalen Dingen, sondern mit Worten, und die bewegen den Geist. Ich musste ihr sagen, dass ich ebenso davon betroffen bin, weil ich industrienah arbeite. Sie meinte daraufhin, ich sei doch jedermanns Fantasie sei: „Die Leute kommen zu dir, weil du ihnen einen Traum lieferst.“ Und das ist eine sehr privilegierte Position – denn ich werde nicht rückwärts gehen. 

Foto: Andreas Körner; Bildhübsche Fotografie


Können Sie sich so eine Haltung leisten?

Wir haben im Design gerade eine lange Phase erlebt, in der alles formal vereinfacht wurde, um bescheiden zu wirken. Dabei ist gerade das unbescheiden, weil es größerer Anstrengungen bedarf, diese Formen zu reduzieren, als sie zu übernehmen. In der Natur ist die Form ein Mittel der Ökonomie, um aus wenig das Meiste herauszuholen. Das ist ein sehr potentes Konzept. Warum sollte ich also zurückgehen? Ich lebe in einer Welt der Kreativität, und ein Freund sagte letztens über mich, dass meine Arbeit nicht nur eine Inspiration für ihn ist, sondern auch eine wichtige Maschine des Optimismus, der Möglichkeiten und des Wandels, von denen wir so viele brauchen. Diese Außenwahrnehmung bestärkt mich natürlich. 

Die Technologie macht heute vieles möglich, was früher als phantastische Spinnerei galt. Das müsste für Sie doch auch eine Bestätigung sein, oder?

Natürlich. Ich beschäftige mich mit Green Design, seit ich 16 bin. Für mich ist das kein Modetrend, auf den ich aufspringe, wenn ich energiearme Autos oder Solarleuchten entwerfe. Zurzeit gibt eine große Nachfrage, denn es gibt nicht so viele bekannte Designer – was immer das auch bedeutet –, die eine umweltfreundliche Philosophie vertreten. Obama will jetzt meine Solar Trees für Washington, New York will sie auch, jeder will sie. 

Dann werden die Leuchten jetzt produziert?

Aber ja. 

Sie sammeln privat Kunsthandwerk aus Afrika, weil Sie die einfachen Dinge mögen, aber ihr Studio vergleichen Sie mit Star Trek. Wie sieht Ihr Weltbild aus?

In Marcels Buch „Craft“ steht ein Statement, das ich voll und ganz teile, obwohl ich das Gegenteil davon tue: „Wenn du die Momente des Glücks im Leben zählst, wirst du die Antwort nicht in der Technologie finden.“ Da haben wir es: Wir sprechen hier über VitrA. Wenn man mit dem Badezimmer die Welt verändern will, dann verändert man sie mit Wasser, nicht mit dem Badezimmer. Wenn darin nicht Ironie liegt! Wir leben in schwierigen Zeiten, und wenn die Menschen keine Häuser mehr bauen und nicht mehr in ihre Wohnungen investieren, kommen die Dinge ins Stocken – kein Geld, keine Investitionen, keine Innovation, keine Zukunft. Leute wie ich sehen deshalb kein Fernsehen mehr, denn ich will Optimist bleiben. Und ich denke, Kunden sollten das auch so handhaben – sie sollten einfach weitermachen. 

Interview: Frank A. Reinhardt 

Datum: 18.02.2008 

Weitere Informationen: 

www.rosslovegrove.com