Für Industriedesign
interessiert sich erst mal niemand.

Ein Interview mit Stefan Diez

Foto: Andreas Körner; Bildhübsche Fotografie
  • Foto: Andreas Körner; Bildhübsche Fotografie

    Fotos: Andreas Körner; Bildhübsche Fotografie 

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Fotos: Andreas Körner; Bildhübsche Fotografie

Stefan Diez ist einer der international am meisten beachteten Designer Deutschlands. Seine oftmals überaus erfolgreichen Entwürfe vereinen klassische Eleganz, handwerkliche Perfektion und einen ambitionierten, aus dem Material abgeleiteten Formwillen, wie er gerade wieder mit seinem Stuhl CH Houdini für das Label e15 unter Beweis gestellt hat. 1971 in Freising bei München geboren, absolvierte er eine Lehre als Schreiner und studierte im Anschluss Industriedesign an der Kunstakademie Stuttgart. Er arbeitete kurz bei Richard Sapper (USA) und nach seinem Studium zwei Jahre bei Konstantin Grcic (München), bevor er 2003 sein eigenes Designstudio in München gründete. Er lebt und arbeitet in München. Neben seinen Projekten vor allem im Bereich Möbel und Tableware – u. a. für Authentics, Rosenthal, Thonet, Moroso, Schönbuch, Wilkhahn und e15 – gestaltet Diez auch viele Ausstellungen. Seit 2007 ist er Professor für Produktdesign an der hfg Karlsruhe. 

Herr Diez, warum wird man als Designer entdeckt?

Die Szene ist sehr stark mediengeprägt. Aufgegriffen wird, was für das Publikum interessant sein könnte oder worüber sich gut schreiben lässt. Letztlich ist es auch eine Frage der Bilder: Kann man das gut fotografieren? Kann sich der Designer oder die Designerin gut ausdrücken? Was in dieser Hinsicht nicht kompatibel ist, ist ganz schwierig unterzubringen. Andersherum passiert es im Möbeldesign auch immer wieder, dass ein Produkt, das für die Veröffentlichung in den Medien entworfen wurde, in der Realität optisch viel zu dominant ist. Dann ist man ganz erschrocken, dass fünf Stühle um den Tisch herum so eine Wirkung entfalten. 

Waren für Ihren Erfolg nicht auch visuelle Aspekte ausschlaggebend?

Doch, natürlich. Bei dem ideal house etwa, das wir für die imm cologne 2006 gemacht haben, stand mehr die Art der Darstellung unserer Produkte im Vordergrund. Das „ideale Haus“, das es ja eigentlich sein sollte, hat am Ende ausgesehen wie eine riesige Werkstatt, denn zu der Zeit war bei uns einfach noch vieles im Entstehen, und kaum ein Produkt von mir auf dem Markt. Und durch die Darstellung der Zwischenschritte und des Umfelds wurden die Produkte greifbar und verständlich, auch ohne dass man sie in den Mittelpunkt bzw. auf einen Thron setzen musste. Mein erster Vorschlag für das Ideal House war sogar ganz ohne Möbel und Produkte geplant. Ich konnte ihn aber nicht durchsetzen. 

Hat sich durch das ideal house-Projekt für Sie etwas verändert?

Ganz enorm. Viele erhielten Einsicht in unsere Arbeit, das Interesse war danach groß, und die Koelnmesse hat weder Kosten noch Mühen gescheut, um das Projekt zu promoten. Der Kontakt zu Wilkhahn bestand zwar schon, aber anschließend kamen auch andere Kunden wie Thonet hinzu. Letztlich ging es auch beim ideal house in der nachgeschalteten Kommunikation um Bilder. Diejenigen, die tatsächlich da waren, haben aber viel mehr geboten bekommen. Das war mir wichtig. Man muss sich damit arrangieren und neue Perspektiven im Umgang entwickeln. 

 

Wenn also das Denken in Bildern heute so entscheidend ist, hat Industriedesign per se einen schweren Stand, da es nun einmal nicht so attraktiv ist und es zudem weniger Medien gibt, die es transportieren… 

 

Für Industriedesign interessiert sich erst mal niemand. Kein Mensch weiß, wer den Staubsauger gemacht hat, den er benutzt. Das liegt natürlich nicht nur an den Medien und Konsumenten, sondern auch daran, dass die Firmen viel zu lange primär marketingorientiert gedacht haben. Damit war der Maßstab immer der durchschnittliche Kunde – und der ist nun einmal nicht pointiert, sondern ein total uninteressantes, konstruiertes Etwas. Damit konzentriert sich alles auf den Kompromiss. Dabei sind die Randpositionen und die zugespitzten Meinungen viel spannender! Und ich bin überzeugt, dass auch der ganz normale Kunde daran viel mehr gefallen findet. 

Müssen sich Unternehmen nicht über ihre Kunden definieren?

Das kann doch nur ein Aspekt sein. Das Problem scheint mir, dass die meisten Firmen sich in den letzten 30 Jahren nicht mehr mit ihrer eigenen DNA oder mit ihrer eigenen Haltung beschäftigt haben; sie haben sich ausschließlich darauf konzentriert, so viel wie möglich vom Kuchen abzubekommen und sich dabei ganz weich und geschmeidig gemacht. Und dabei ist vieles mittelmäßig geworden. Das bekannteste Beispiel ist wohl Braun. Dabei war das Design von Dieter Rams und seinen Kollegen, das ja den Erfolg erst begründet hat, bestimmt nicht marketinggetrieben, sondern visionär und aus einer Leidenschaft heraus entwickelt. Apple ist ein weiteres gutes Beispiel. Da hat man ja auch nicht den Kunden gefragt, was er gerne hätte – jemand hat eine gute Idee gehabt und damit den Markt geprägt. Diese Energie war früher auch in vielen deutschen Unternehmen vorhanden, aber sie ist oft verloren gegangen. Man glaubt eben, etwas für den Markt machen zu müssen. 

Aber es gibt zurzeit doch durchaus wieder viele gewagte Designentwicklungen…

Ja, aber diese Szene konzentriert sich wieder zu sehr auf das Möbeldesign, was schnell zu einer Überfrachtung dieser Seite führt. Ich bin mir aber sicher, dass es einen Umschwung geben wird und viele Designer eine Zukunft jenseits des Möbelbereichs sehen und suchen. Wir bemühen uns gerade sehr darum. 

Weitere Informationen: 

www.stefan-diez.de