Viel zu wenig Zeit, um die Welt zu verbessern.

Ein Interview mit Zaha Hadid

Foto: Andreas Körner; Bildhübsche Fotografie
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    Fotos: Andreas Körner; Bildhübsche Fotografie 

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Zaha Hadid

weiß, was sie will. Natürlich genießt Zaha Hadid die Anerkennung durch die Öffentlichkeit, doch die Jahre, in denen sie ihren Weg ging, ohne dass ihre Architektur als realistische Alternative zu den rationalistisch-rechtwinkligen Glaspalästen ernst genommen wurde, haben sie zwar nicht unempfindlich, wohl aber unabhängig gemacht. Die Frage eines Journalisten nach der ökologischen Verträglichkeit der von ihr verwendeten Materialien beantwortet die Pritzker-Preis-Trägerin mit einer eigenen Definition: sie sehe nicht nur in der Art des Materials, sondern auch in der Nutzungsqualität und der Art der Organisation eines Gebäudes Kriterien für Nachhaltigkeit. Es gibt eben auch in der Architektur so etwas wie eine Arbeitsteilung in Technologieforschung, in experimentelle und schließlich in angewandte Architektur. Es gebe viele Architekten, die mithilfe von weiter entwickelten Techniken der Klimatisierung und Innenausstattung die Ökobilanz eines Gebäudes zu verbessern; sie hingegen sieht ihre Arbeit primär in der Anwendungsforschung neuer Materialien und Techniken, um neue Möglichkeiten des Ausdrucks und der Gestaltung von Raum zu entwickeln. „Am Ende werden diese unterschiedlichen Entwicklungsstränge – die Nachhaltigkeit und die Anwendbarkeit der Materialien – wieder zusammenkommen, und es werden sich Lösungen für viele Probleme daraus ergeben“, ist sie sich sicher. „Doch wenn wir von Anfang an immer alle Faktoren berücksichtigen wollten, die bei der späteren Realisierung wirklich großer Projekte eine Rolle spielen, kämen wir in unserer Arbeit nicht viel weiter.“ 

 

Auf der Pressekonferenz zur Präsentation der ideal houses in London bringt sie überzeugend zum Ausdruck, wie ernst sie Ausstellungsprojekte wie die ideal houses nimmt: „Wir freuen uns über diese Gelegenheit, die Welt des Interior Designs und des Wohnens idealtypisch zu zeigen. Wobei wir eigentlich weniger ein „ideales Haus“ entworfen als einen Schnappschuss gemacht haben – von unserer Vision und unserem Verständnis von zeitgenössischem Leben, wie es sich in Zukunft darstellen könnte.“ Im Anschluss findet sich gerade noch genug Zeit für ein paar Fragen, und schon ist die derzeit wohl einflussreichste Architektin wieder auf dem Sprung. Das ist ihre Zeit, darauf hat sie lange hingearbeitet, und diese Zeit will genutzt sein.  

Man kann sich ja schon fragen, welchen Einfluss die neuen Technologien auf die Formgebung und das Design haben. Was war vorher da: die Technik oder der Wunsch nach organischen Formen?

Ich denke es gibt eine symbiotische Beziehung zwischen den Entwicklungen in Technik und Design. Die Formen, die wir und andere Architekten uns ausdenken, setzen neue Verarbeitungs- und Konstruktionstechniken voraus, sonst könnten sie gar nicht realisiert werden. Wenn diese Technologien dann entwickelt sind, inspirieren sie die Architekten zu noch komplexeren Entwürfen, und das Design wird bis an seine Grenzen ausgereizt. Die beiden Prozesse beeinflussen sich gegenseitig und führen dazu, dass der Fortschritt immer weiter geht. 

Wohin wird uns die Technologisierung im Design noch führen?

Ich finde den Gedanken spannend, dass man heute die Technologie der Massenproduktion nutzen kann, um individuelle, sehr komplexe Objekte zu gestalten. Unsere Arbeit ist damit irgendwie näher an der Autoindustrie als an der Möbelfertigung oder dem Prototypenbau. 

Auch von Ihren Produkten gibt es limitierte Ausgaben und Unikate, wie sie derzeit hoch gehandelt werden.

Ich finde es sehr wichtig, interessante Produkte für den Massenmarkt zu machen. Aber es hat in den letzten 6, 7 Jahren eine Veränderung in der Anspruchshaltung der Menschen gegeben. Die Berichterstattung in den Medien und die Idee des Wohnens im Loft-Ambiente haben in vielen den Wunsch geweckt, selbst in einer besseren Umgebung leben zu wollen. Und das Interesse an der Kunstszene ist wirklich erstaunlich. Das hat den Druck erhöht, stark limitierte Editionen herauszugeben, die zum einen viel Geld bewegen und zum anderen Design mit dem Kunstmarkt in Verbindung bringen. 

Vor diesem Hintergrund einer Revolution des technisch Machbaren – in welche Richtung tendiert die Architektur?

Es wird mehr darum gehen, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Die Glasindustrie wurde ja auch nicht deshalb so hoch entwickelt, weil Architekten Glaspaläste bauen wollten, sondern weil es der Traum der Moderne war, den Menschen Licht zu verschaffen. Und dann passieren heute so merkwürdige Dinge wie die Reglementierung im Sozialen Wohnungsbau, Wohnräume nach Süden ausrichten zu müssen, egal, ob die Fenster dann auf die Hauptstraße oder einen Garagenhof blicken und die wunderbare, dummerweise aber nach Norden gelegene Aussicht auf die Themse verschenkt wird. Subventionen und normierende Aspekte sollten keinen Platz in der Architektur haben. Insofern glaube ich an einen weit reichenden Einfluss des ideal house, selbst wenn es nicht in jeder Hinsicht ideal ist. Aber in der Realität gibt es nun einmal immer Abstriche – je höher man die Ziele steckt, desto mehr von seinen Vorstellungen kann man umsetzen. 

Foto: Andreas Körner; Bildhübsche Fotografie


Wollen Sie sich nach Ihrer Erfahrung mit dem Hotel Puerta America weiter im Interior Designs engagieren?

Das Puerta America Hotel war wirklich ein interessantes Projekt. Wir machen viele Ausstellungsprojekte, weil man dabei ein weiteres Experimentierfeld hat, was Raum, Form und Materialien betrifft, denn anders als bei einem Gebäude handelt es sich hierbei um Interiors, die nur für einen begrenzten Zeitraum gestaltet werden. Puerta America ist ein Zwischending von beidem, weil wir auf einem kleineren Raum in einer relativ kurzen Zeitspanne gearbeitet haben, das Gebäude aber dauerhaft sein soll. Das, was wir daraus gelernt haben, können wir nun auf viele andere Projekte übertragen. Momentan arbeiten wir an einer Reihe von Privathäusern, und bei diesen Projekten achten wir - genau wie bei ideal houses - sehr genau darauf, uns nicht selbst einzuschränken. Wir belasten uns beispielsweise nicht damit, Innen und Außen als getrennte Räume zu betrachten. Stattdessen experimentieren wir damit, wie die beiden Elemente nahtlos zusammenwachsen können und dann als Ganzes besser funktionieren. 

Sie haben in Ihrem Studio selbst schon eine Reihe von Produkten designt: Möbel, Accessoires, kürzlich sogar ein Auto...

Das ist heute ja das Interessante, dass wir als Architekten im Bereich Industriedesign arbeiten können und auch die Designer zunehmend im Bereich Interior Design aktiv sind. Wir begrüßen diese Situation sehr, auf einer Designmesse mit Designern zusammenzuarbeiten. Es wächst alles weiter zusammen, auch durch die neuen Medien und das, was wir als Cross-Platforming kennen: digitale Plattformen, über die sich sowohl Objekte als auch Raumausstattungen und Architektur kreieren lassen. 

Warum sehen Ihre Möbel und Objekte so anders aus?

Um einen Raum ohne Unterbrechungen zu gestalten, wie etwa beim ideal house Projekt, verwenden wir unsere eigenen Möbel, meist extra-große, einteilige Objekte, die selbst raumbildend wirken. Dadurch erzielen wir eine Art Kontinuität, einen Zusammenschluss von Architektur und Möblierung. 

Das heißt, Sie fassen Ihre Möbel als Raum auf?

Nicht nur unsere Möbel. Der Kronleuchter „Vortexx“ für Zumtobel und Sawaya & Moroni bildet eine schleifenförmig verbundene Doppelhelix, die sich wie von Zentrifugalkräften von innen nach außen zu bewegen scheint. Und auch der neue „Schwarm“-Lüster von Established & Sons simuliert eine Bewegung, quasi eine kontrollierte Explosion von Teilchen. Wenn man diese Objekte betreten könnte, würde man sich im Inneren wie in einem nach außen strebenden Universum vorkommen. 

Interview: Claudia Wanninger 

Datum: 12.10.2006 

Weitere Informationen: 

www.zaha-hadid.com