Design Report Special
interzum 2011


Cover: Discodoener

In den guten alten Zeiten, als alles noch viel einfacher war, ging es im Design eigentlich nur um eines: die Form. Doch das ist lange vorbei. 

Niemand, der als Besucher nach Deutschland reist, und komme er von noch so weit her, wird sich ernsthaft darüber wundern, dass die Deutschen heute in modernen Häusern wohnen und über fließendes Wasser und Stromanschluss verfügen. Mit Ausnahme vielleicht einiger US-Amerikaner, die immer noch ins Staunen darüber geraten können, dass Fritz und Heidi nicht nur einen richtigen Kühlschrank, sondern sogar gleich mehrere (!) Fernseher besitzen. Und doch beschleicht viele, die zum ersten Mal in das Land der Hügellandschaften, Flüsse und Fachwerkhäuser kommen, ein merkwürdig enttäuschtes Gefühl: Wo sind sie denn, die idyllischen Städtchen in Backsteingotik und Heidelberg-Charme, die modernen Bauhaus-Siedlungen und altehrwürdigen Großstadtvillen, die Weinberge und blühenden Landschaften, die mit Windmühle oder Bauernhof ein so schönes Postkartenmotiv abgeben? Und sie müssen erkennen, dass die meisten Deutschen eben auch nur in mehrstöckigen Mietshäusern leben. Oder bestenfalls in Reihenhäusern, von denen es nirgends sonst auf der Welt (außer natürlich in Großbritannien und den Niederlanden) so viele gibt wie hier. 

 

Dieses subtile Gefühl des Ungenügens teilen sie im Übrigen mit einer nicht unerheblichen Anzahl der hier ansässigen Bevölkerung, denn tatsächlich können sich nur 43 Prozent als glückliche Besitzer eines Eigenheims bezeichnen. Dabei hat „der Deutsche“ eine klare Vorstellung von dem, was ein richtiges Haus ist: ein freistehendes Einfamilienhaus – natürlich massiv gemauert – mit zwei Stockwerken, Keller und Satteldach, unter dem sich vielleicht noch ein schnuckelig ausgebautes Dachgeschoss mit Erker befindet, ein kleiner Vorgarten mit niedrigem Zaun zum Bürgersteig, gelegen in einer ruhigen Wohnstraße. Auch wenn der Garten drum herum natürlich dazugehört, ist schon ein Haus ohne Keller kein ganz richtiges Haus mehr. Denn nur in einem großem Keller lässt sich neben Vorratskammer, Heizungskeller und Waschküche noch eine kleine Werkstatt oder zumindest eine kleine Werkbank unterbringen. Die Deutschen sind nämlich von Natur aus Heimwerker – zumindest der männliche Teil der Bevölkerung. Und schließlich wird auf keinem Bild, das in einem deutschen Kindergarten gemalt wurde, ein rauchender, Wärme versprechender Schornstein fehlen, obwohl heute viele Häuser mit modernsten Brennwert-Heizkesseln ausgestattet sind, die so gut wie keinen Dunst, geschweige denn Rauch raus lassen. Doch wird der Deutsche die Hoffnung auf einen Kamin oder wenigstens Ofen wohl niemals ganz aufgeben. 

    Download 

    Design Report Special interzum 2011